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Ulrike Waterkamp
Rezension des Films: "Freinet in der Realschule" - von Matthias Riemer (35 Minuten / VHS)
Die Tatsache der insgesamt schmalen Basis von filmischen Dokumentationen freinet-pädagogischer Lernprozesse in der Regelschule, besonders in der weiterführenden Schule, ist bekannt. So ist es begrüßenswert, dass Matthias Riemer die Initiative ergriffen hat, Grundelemente freinetischen Lernens in der Realschule in einem kurzen, auf wesentliche Elemente konzentrierten Video-Film darzustellen. Der Film zeigt erste und wichtige Schritte, die für SchülerInnen und LehrerInnen notwendig sind, um aus der Realität der Regelschule in ein freinet-pädagogisch orientiertes Lernarrangement zu wechseln.
Eine 5., später 6. Klasse wird in ihrem Lern-Alltag (Arbeitsplan, Dienste, Klassenrat, Klassentagebuch, Freies Forschen, Ateliers und Erkundung) begleitet. Die Kamera streift die Veränderungen im Klassenraum (variable Sitzordnung, Bücherregale, Arbeitsecken mit Computern, Mini-Labor für den naturwissenschaftlichen Unterricht), vertieft sich bei SchülerInnen, die alleine oder in Gruppen eigenverantwortlich Arbeitsvorhaben nachgehen und fängt die Atmosphäre der Interaktionen von SchülerInnen untereinander (insbesondere beim Klassenrat) und mit ihrer Lehrerin (Bewertung der Arbeitspläne) ein. Ein der gemeinsamen Reflexion gewidmetes Gespräch der initiierenden LehrerInnen Marita Breuninger-Wöhrle und Matthias Riemer rundet die Dokumentation ab.
Schon der Titel des Videos "Freinet in der Realschule" macht deutlich, dass es um das Installieren von Lernprozessen mit mehr Selbstbestimmung in einer nach einer anderen Logik funktionierenden Lernumgebung geht. Diese Folie der "sehr geregelten Regelschule" bleibt im ganzen Film als Bezugspunkt präsent. Dies ist zunächst eine Stärke des Films, denn er zeigt, dass und wie der herrschenden schulischen Normalität ein anderes Lernen behutsam entgegengesetzt werden kann. Der Blick in die Schulklasse wird für diejenigen, die beginnen wollen, motivierend sein, da kein abgehobenes Wunder, sondern ein nachvollziehbarer Weg entfaltet wird (hier vor allem: verlässlicher Arbeitsplan mit Basis-, ExpertInnen- und Individualanteil). Für diejenigen LehrerInnen, die ähnlich arbeiten, bietet der Film aufschlussreiche Vergleiche zum eigenen Entwicklungsstand an (z.B.: Verbindlichkeit der Regeln des Klassenrats, Grad der Verantwortung der SchülerInnen, Umfang der Kooperation der LehrerInnen).
Die wichtige Folie der Normalität wird im Film aber manchmal zu stark beansprucht, so dass sie sich fast lähmend über ihren Gegenstand legt: frau / man sähe neben den ausgiebigen Passagen über die Kontrolle (!) der Arbeitspläne gerne mehr über die Begeisterung bei der Arbeit - neben der Kontrollliste (!) des Chefs des Ateliers auch die neugierigen ForscherInnen beim Entdecken! Trotz dieser Einschränkung: der Film bietet eine wichtige Dokumentation freinetischen Arbeitens in der Regelschule und verweist auf den weiterhin bestehenden Bedarf solcher Spiegelungen reformpädagogisch orientierter Praxis.
Ulrike Waterkamp ist stellvertretende Schulleiterin an der Gesamtschule Waltrop, diese Rezension erschien in unserer Vereinszeitung 'Fragen und Versuche' Nr. 114
Der Film ist über die Geschäftsstelle der Freinet-Kooperative in Bremen ausleihbar, s. S. 2. Die Leihgebühr beträgt € 5 zzgl. Versandkosten, in der Regel € 1,50
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